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Das Physiotherapie Studium: Einblicke in den Studienalltag

19. Januar 2021
Physiotherapie Ausbildung Österreich

Hast du dich schon mal gefragt wie ein Physiotherapie Studium abläuft? Möchtest du gerne wissen was hinter der Ausbildung zum Physiotherapeuten steckt? Es folgen absolut ehrliche Einblicke in den Alltag meines Physiotherapie Studiums. Wer wissen will was es mit der Extremitätenkiste auf sich hat, warum die Ausbildung nichts für Schüchterne ist oder was mein peinlichstes Erlebnis im Praktikum war, der sollte weiterlesen:-)

Das Physiotherapie Studium

Theorie, Theorie und noch mehr Theorie

Nach erfolgreich bestandener Aufnahmeprüfung, gehört man nun zu den 60 Studierenden, die sich voller Motivation und Tatendrang in die Welt der Anatomie, Physiologie und Pathologie stürzen dürfen. Die erste Hürde für das Physiotherapie Studium ist geschafft. Wie in fast jedem Studium ist der Anfang stark von Grundlagen und Theorie geprägt, so auch bei hier.

Die erste Bewährungsprobe stellen die drei großen Anatomieprüfungen (Passiver Bewegungsapparat, Aktiver Bewegungsapparat und Organe) dar. Man fühlt sich anfangs ein bisschen wie im Kindergarten bei den vielen schönen Zeichnungen, die man im Zuge des Anatomieunterrichts anfertigt. Recht schnell erkennt man aber, dass die Prüfungen kein Zuckerschlecken sein werden. Jeden morgen strebert man bereits fleißig Ursprung, Ansatz und Innervation von den über 600 Muskeln des menschlichen Körpers, wiederholt den Aufbau von Gelenken und versucht sich die einzelnen Bestandteile der Organe zu merken.

Physiotherapie Ausbildung Österreich

Nachdem theoretisch alles erarbeitet wurde, geht es nun endlich ans Angreifen von echten Präparaten. Man verbringt den Großteil seiner Zeit im Studierlokal an der Vorklinik und versucht die schönsten Präparate von Armen und Beinen zu ergattern. Das Wühlen in der „Extremitätenkiste“ hat schon etwas Morbides an sich. Es ist tatsächlich eine riesige Metallkiste voller präparierter Arme und Beine. Hat man einen schönen Arm gefunden, der noch alle 4 Schichten der Unterarmmuskulatur aufweist, verbringt man den restlichen Tag zufrieden mit seinem Präparat und versucht sich alles einzuprägen. Wer schließlich auch die Physiologie-und Pathologieprüfung überlebt hat, hat allen Grund zu feiern. Schnell wird klar, dass man sich die nächsten 3 Jahre mehr mit diversen Körperteilen, als mit Freizeitaktivitäten beschäftigen wird.

Praktischer Unterricht: Ab jetzt heißt es Hüllen fallen lassen

In den ersten praktischen Einheiten lernt man vor allem, dass im Physiotherapie Studium kein Platz für Schüchternheit ist. Geübt wird natürlich aneinander. Wer jemals vor 20 Studienkollegen in Unterwäsche posieren durfte, um das „physiotherapeutische Auge“ zu schulen, hat den Großteil seiner Hemmungen abgelegt. Was anfangs selbst den hart gesottenen Exhibitionisten schwer fällt, ist am Ende des Studiums eine Selbstverständlichkeit. Spätestens bei der Lymphdrainage der Brüste (eine Massage zur Stimulation des Lymphabflusses) und der Beckenbodenuntersuchung gibt es kaum mehr Berührungsängste untereinander. Das viele praktische Üben hat neben den spannenden Erfahrungen außerdem den Vorteil, dass man den ganzen Tag in Jogginghosen herumlaufen darf:-)

Physiotherapeut Ausbildung Österreich

Praktikum: das Highlight im Physiotherapie Studium

In jedem Semester finden, neben dem Unterricht auf der FH, zwei bis sechswöchige fachspezifische Praktika statt. Es geht darum, Erlerntes in der Praxis anzuwenden. Endlich das erste Mal den Duft vom echtem Arbeiten schnupper. Einige Praktikumsplätze sind härter umkämpft als Andere, aber zum Schluss findet jeder eine geeignete Stelle. Anfänglich kommt man am besten mit dem Leitsatz „Täuschen und Tarnen“ durch den Praktikumsalltag. Einem wird nämlich schnell klar, dass man eigentlich nichts weiß. Das Wichtigste neben dem fachlichen Wissen ist nämlich der zwischenmenschliche Aspekt. Hat ein Patient kein Vertrauen in die Fähigkeiten des Therapeuten sind der Therapieerfolg und das Engagement deutlich geringer.

Meine persönliche Bestleistung alias peinlichstes Erlebnis war definitiv mein erster Praktikumstag auf der Intensivstation. Während mir mein Praktikumsbetreuer gerade am Patienten zeigte, wie man Atemübungen durchführt, hat es mich schlicht weg umgehauen. Sprich ich hatte einen Kreislaufkollaps und bin im 6-Bett-Zimmer vor versammelter Mannschaft umgekippt. Dass mir der Patient, den wir gerade behandelt haben „gute Besserung“ nachgerufen hat, als sie mich mit dem Rollstuhl aus dem Zimmer führten, hat die Sache nicht besser gemacht.

Schließlich wird man aber dann doch irgendwann vom schwitzenden, zitternden Praktikanten zu einem motivierten, kompetenten Beinahe-Mitarbeiter. Ab dann findet man Anklang in der Praktikumsstelle und darf seine eigenen Patienten behandeln. Es ist natürlich, wie in jedem Praktikum, besonders wichtig einen guten Eindruck zu hinterlassen, denn es könnte der spätere Arbeitsplatz werden. Nach zahlreichen absolvierten Praktika wird man selbstsicherer und kompetenter und kann das Erlernte anwenden.

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Das praktische Arbeiten war mit Abstand das Beste am Physiotherapie Studium. Man darf in alle Konzepte und Berufsfelder reinschnuppern: Krankenhaus, Rehabilitationszentrum, Ambulatorium, etc. Außerdem bekommt man in allen Bereichen intensive Einblicke, egal ob Orthopädie, Pädiatrie oder Intensivstation. Man lernt dabei, welche Bereiche und Themengebiete einen besonders interessiere. So kann man nach dem Studium gezielt nach einem geeigneten Arbeitsplatz suchen.

Das große Finale: Bachelorarbeiten und Prüfung

Zum Abschluss einer erfolgreichen Ausbildung gehört das Verfassen von zwei Bachelorarbeiten und der bestandenen praktischen, sowie theoretischen Bachelorprüfung. Das Schwierigste ist, neue Themen für die Bachelorarbeiten zu finden, die noch nicht von anderen Studierenden beleuchtet wurden. Beim wissenschaftlichen Arbeiten ist es natürlich bedeutsam neue Erkenntnisse zu bekommen und nicht alte Themen wieder aufzuwärmen.

Häufig hab ich mich haare-raufend gefragt habe, wofür man zwei Bachelorarbeiten verfassen muss, doch mittlerweile ist es mir klar. Es gibt tatsächlich einen guten Grund, warum die Ausbildung akademisiert wurde. In Zeiten von Einsparungen und Kürzungen ist es wichtig, Therapiemaßnahmen objektiv zu prüfen und deren Ergebnisse vorweisen zu können. Das Stichwort ist evidenzbasiertes Arbeiten. Es reicht heutzutage nicht mehr aus, am Ende der Therapie einen zufriedenen Patienten haben. Die Kassen und Versicherungen wollen messbare und objektive Werte. Für evidenzbasiertes Arbeiten ist eine fundierte, wissenschaftliche Ausbildung und ein lebenslanges Lernen erforderlich. Auch die Kompetenz zur Forschung und das korrekte Interpretieren von Studienergebnissen gehört zu einem guten Physiotherapeuten.

Bachelorstudium Physiotherapie  Österreich

Wer Physiotherapeut werden will muss leiden

Drei Jahre und einige Nervenzusammenbrüche später, hält man nun endlich die Bachelor-Urkunde in der Hand. Ich kann nicht behaupten, dass die drei Jahre ein Zuckerschlecken waren, aber die Mühe hat sich gelohnt und drei Jahre sind schließlich absehbar. Ich würde mich immer wieder für das Physiotherapie Studium entscheiden. Mir war zum Zeitpunkt des Studienabschlusses allerdings noch nicht ganz klar, dass das wahre Lernen erst danach beginnt. Wer nämlich glaubt er weiß nach 3 Jahren alles, was ein guter Physiotherapeut wissen muss, wird im ersten Berufsjahr komplett desillusioniert.

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Das Wunderschöne an dem Beruf ist, dass man nie aufhört zu lernen. Der im Berufsgesetz festgelegten Fortbildungspflicht wird gerne und mit Leichtigkeit nachgegangen. Jeder Mensch ist anders und je größer die „Werkzeugkiste“ des Therapeuten ist, desto besser kann er individuell auf jeden Einzelnen eingehen. Durch die akademische Aufwertung der Ausbildung auf ein Bachelorstudium gibt es nun auch die Möglichkeit, ein Masterstudium anzuhängen. Nachdem man aber die Berufsberechtigung durch das Bachelorstudium bereits erlangt hat, ist das Masterstudium selbst zu finanzieren und kostet um die 12.000€.

Physiotherapeut werden

Mein Werdegang

Seit 2014 arbeite ich nun als Physiotherapeutin und habe bis jetzt vor allem in den Bereichen Traumatologie, Orthopädie und Neurologie Erfahrungen gesammelt. 2018 habe ich den Blog gegründet, nachdem der Wunsch in mir aufgekommen ist, Menschen schon präventiv zu erreichen und ihnen Wissen und Tools zur Selbsthilfe anzubieten. Mir wurde im Laufe des Arbeitens einfach bewusst, dass man viele Dinge frühzeitig leichter beheben hätte können, als wenn sprichwörtlich schon „der Hut brennt“. Je besser man seinen eigenen Körper und dessen Hintergründe kennt, umso leichter kann man darauf eingehen. Ich möchte euch damit an meinem theoretischen Wissen, sowie meinen praktischen Erfahrungen teilhaben lassen. Der Blog soll aber auf keinen Fall einen Arzt oder Physiotherapeuten ersetzen.

Ich liebe meine physiotherapeutische Arbeit, bei der die zwischenmenschlichen Aspekte, das praktische Arbeiten und die persönliche Motivation meiner Patienten im Vordergrund stehen. Gleichzeitig schätze ich aber auch die „Blogarbeit“ zu Hause, bei der ich vor allem meine Liebe zum Schreiben und zur Fotografie ausleben darf.

Wenn ihr Fragen zu meiner Arbeit oder zur Physiotherapie Ausbildung habt schreibt mir gerne eine Email oder hinterlässt ein Kommentar:-)

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